Dieser Artikel von uns ist im Vintage Flaneur, Ausgabe 03 erschienen.

Artikel im Vintage Flaneur Ausgabe Nr. 03

Folgen Sie uns auf den Spuren der Geschichte der weltbekannten Plauener Spitze. Lassen Sie uns entdecken, was sie so einzigartig macht.

Oft sind es die kleinen Dinge, die uns großes Glück und Lust auf Neues versprechen. Bei mir war es einer der vielen Besuche in einem Vintageladen. Diese schöne glanzvolle Welt aus einer vergangenen Zeit – eine Welt aus Samt und Seide und Spitze. Eine Welt aus traumhaften Kleidern, eleganten Mänteln und Taschen, die nicht praktisch aber wahnsinnig schön sind. Ich bin immer aufs Neue verzaubert. Mein Blick fällt diesmal auf ein tolles Abendkleid ganz aus Spitze, es sieht aus, als wäre es direkt einem UFA-Film entsprungen. Es hat etwas magisches, dieses stilvolle Kleid in der Hand zu halten und sich vorzustellen, wer es wohl zu welchem Anlass getragen hat und welche Geheimnisse es verraten könnte. Vintagekleider erzählen aber nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte. Dieser Traum aus Spitze hatte meine Neugier geweckt. Wie entsteht diese unglaublich luxuriöse Spitze. Gibt es so etwas auch heute noch oder muss man zwingend auf Vintagesachen zurückgreifen?

Eine Reise ins Vogtland

Meine Suche führte mich direkt ins Herz des Vogtlandes – nach Plauen. Verehrte Leser, folgen Sie mir auf den Spuren der Geschichte der weltbekannten Plauener Spitze. Lassen Sie uns entdecken, was sie so einzigartig und besonders macht.

Was liegt näher, wenn es um Geschichte geht, als ein Museum. So ist meine erste Station das einzige Spitzenmuseum Deutschlands. Der geneigte Besucher kann hier in wechselnden Ausstellungen den historischen Wandel bei der Produktion aber auch direkt in der Gestaltung bewundern. Hier erfahren wir, dass Ende des 19. Jahrhunderts die maschinengestickte Tüllspitze in Plauen erfunden wurde. Damit wurde der Grundstein für Plauen als Zentrum der Spitzen- und Stickereiindustrie gelegt.

Stickmaschinen im Spitzenmuseum Plauen

Nur wenige Jahre später ermöglichen die Schiffchen-Stickmaschinen die Fertigung der Luftspitze (auch Ätz- oder Guipurespitze genannt). Bei der Fertigung von Luftspitze wird ein spezieller Trägerstoff aufwändig bestickt und später ausgelöst. Dabei entsteht eine fantastisch leichte, sich selbst tragende Stickspitze. Das besondere ist ihre Dreidimensionalität, die ein subtiles Relief schafft, das sie besonders edel aussehen läßt. Die Marke Plauener Spitze wurde geboren und sie tritt ihren Siegeszug an. Einen Höhepunkt stellt die Erstplatzierung auf der Weltausstellung in Paris 1900 dar.

Die Entwicklung der Spitze ist eng mit der Entwicklung der Stadt verbunden. Plauen wird zu einer prosperierenden Stadt. Straßenbahnen gibt es hier noch lange vor den Städten Nürnberg und München. Es entstand eine großzügig angelegte „Kunstschule für Textil-Industrie“ mit Außenstellen u.a. in Paris und das dazugehörige Textilmuseum gehörte zu den reichhaltigsten Deutschlands. Um 1910 zählt Plauen zu den 25 größten Städten Deutschlands. Plauen wird weit über die Grenzen Deutschlands bekannt.

Anhand von kostbaren Spitzen und edlen historischen Kleidern erhält der Besucher einen Einblick in die Entwicklung der Spitze. Auch lässt sich im Museum auf eindrucksvolle Weise nachvollziehen, wie viel Arbeitsschritte für einen klassischen Spitzendecke notwendig sind.

 

Die Modespitze Plauen GmbH

 

Nach soviel Theorie wollte ich nun unbedingt sehen, wie heute diese Spitze entsteht. Meine Entdeckungstour führt mich ins Geschäftshaus der Modespitze Plauen in der Annenstraße mitten in der Stadt, in eine der ältesten Spitzenfirmen in Plauen. Hier wird in mittlerweile vierter Generation Spitze gefertigt.

Sitz der Modespitze Plauen – Plauener Spitze

 

Mein Rundgang beginnt im angeschlossenen Geschäft und mein erster Blick fällt auf die historische Schiffchen-Stickmaschine vom Typ VOMAG aus dem Jahr 1911. Die Funktionsweise ist ähnlich wie bei einer Nähmaschine: es gibt ein Schiffchen, dass hinter dem Stoff liegt und den Vorderfaden von der Nadel aufnimmt und hinter dem Stoff bindet. Nur dass es hier nicht ein Schiffchen und eine Nadel gibt, sondern hunderte Nadeln und hunderte Schiffchen. Wie lang das Faden einfädeln dauert möchte ich mir gar nicht vorstellen. Gesteuert wird die schöne alte Maschine über Lochkarten. Und was für eine Überraschung. Sie ist noch voll funktionstüchtig. Vom lauten Rattern begleitet, stechen die Nadeln blitzschnell in den Stoff und jede von ihnen stickt das gleiche Muster. Wie faszinierend, wenn man dem Muster bei der Entstehung zuschauen kann. Lage für Lage entsteht ein dreidimensionales Stückchen Spitze, die Decklage ist dann besonders dicht gestickt und später sichtbar. Selbst kleine Elemente benötigen viele Minuten, bis ihre Konturen sichtbar und dreidimensional werden.

Mein Blick im Laden fällt auf die Farben- und Mustervielfalt der Spitze. Spitzen sind eben nicht nur Gardinen und Deckchen. Mit der weißen Spitze der Vergangenheit, mit jenem Stoff, der ganze Hochzeiten ausstaffierte und auf dem man immer auch einen dünnen Staubfilm vermutete, hatten diese Entwürfe herzlich wenig zu tun. Spitze hat hier ein klares Image der Verführung, des Dekors und der Weiblichkeit.

Mein Rundgang führt mich eine Etage höher: in die Konfektion der inzwischen über 100 Jahre alten Manufaktur. Auf einer alten SINGER-Nähmaschine werden die einzelnen Spitzenmotive in einer aufwendigen Wickeltechnik in Handarbeit zu größeren Teilen, z.B. einer Decke zusammengeführt. Aber es entstehen auch kleine Handtaschen und Schmuckstücke für die hauseigene Mode- und Accessoirekollektion „Frieda & Elly“.

Besonders angetan haben es mir die alten Musterbücher, die hier im Archiv der 2. Etage lagern. Sie sind eine Fundgrube für seltene historische Spitzen aus den vergangenen Jahrzehnten. Das Archiv ist ein unglaubliches Musterreservoir.

Die letzte Station meiner Reise ist die neu errichtete Stickerei im Gewerbegebiet in Reißig. An zwei modernen und ziemlich langen Stickmaschinen entsteht die Spitze immer noch nach dem gleichen Prinzip wie vor hundert Jahren. Etwas schneller als es die alte Maschine konnte, aber es ist immer noch ein extrem aufwendiger und lang währender Prozess mit viel Handarbeit sowie ganz viel Liebe zur Spitze und zum Detail.

Fazit meines Ausflugs: Ja, es gibt sie noch die schöne Spitze. Eine echte, gestickte Spitze schafft es auch heute noch, ein bisschen Luxus in den Alltag zu bringen.

 

Und wer noch mehr über Plauener Spitze erfahren möchte, dem empfehlen wir den Blogbeitrag: Plauener Spitze: zarte Eleganz und jahrhundertealte Tradition vom Vintagemädchen.