Plauener Spitze innovativ

Vom 4. bis 7. Mai 2015 erwartete den geneigten Besucher in Frankfurt/Main auf der TechTextil das weltgrößte Angebot an technischen Textilien und gleichzeitig ein wahres Innovationsfeuerwerk, denn der Markt der technischen Textilien ist ein Markt mit gewaltigem Potential und großen Chancen für die Zukunft. Aktuell sind schon 27% der weltweit produzierten Textilien technische Textilien, in Deutschland bereits über 50% – Tendenz weiter steigend. Textilien werden zunehmend nicht nur für Bekleidung oder ähnliches verwendet, sondern auch im technischen Bereich als High-Tech-Material eingesetzt. Daher ist es auch Zeit, die Plauener Spitze innovativ zu zeigen.

Die Messe in Frankfurt

Technische Stickerei mit Alleinstellung im Markt der Technischen Textilien

Sie werden sich jetzt sicher fragen: was hat das aber nun mit Stickerei und Spitze der Modespitze Plauen zu tun? Sehr viel sogar. Ja, bei Spitze und Stickereien denkt man naturgemäß an das optische Aufwerten und Verschönern von Sachen jedweder Art, aber zunehmend findet die gestickte Spitze auch den Weg in die Industrie und das ist gar nicht verwunderlich.

Denn grundlegend ist das Sticken nichts mehr als eine Textiltechnik, bei der auf ein Trägermaterial (wie z.B. Stoff) durch das einfache Durchziehen ein Faden aufgebracht wird. Simpel aber wirkungsvoll und vor allem vielfältig – denn Sticken ist die einzige Textiltechnik, mit der man einen Faden (oder ein anderes flexibles Funktionsmaterial) wirklich in jede Richtung aufbringen kann – eben nicht nur in eine Richtung wie zum Beispiel beim Weben.

Zusätzlich lässt sich das auch beliebig oft wiederholen: eine Stelle kann mehrfach nacheinander bestickt werden – beim Weben ebenso undenkbar. Und hier liegt auch der riesige Vorteil: Es ist nun möglich, Stick- oder Ablegepunkte an jede beliebige Stelle des Materials zu setzen.

Damit kann das Material auch bestmöglich ausgenutzt werden. Aber auch die Umsetzung individueller Anforderungen und Layouts stellt keinerlei Problem dar.

Der Messestand der highSTICK in Frankfurt

Plauener Spitze innovativ – der Wachstumskern highSTICK

Und wer kennt die Vorteile des Stickens besser als die Plauener, die auf eine lange Tradition zurückblicken. So ist es kaum verwunderlich, dass es in Sachsen den Wachstumskern „highSTICK“ gibt, in dem verschiedene Stickereiunternehmen aus Plauen mit Textilforschungsinstituten, Ingenieurbüros, Universitäten und kleinen und mittelständigen Unternehmen im Technologiebereich zusammenarbeiten und welcher vom BMBF finanziell unterstützt wird. Ziel ist es, einerseits Chancen und Potentiale bestmöglich zu nutzen und andererseits, externe und interne Risiken zu minimieren.

Demonstrator – Modell einer Dehnungs- und Torsionsmessung auf Basis gestickter Sensorik – strukturintegriert in ein Faserkunststoffbauteil

Der Demonstrator nochmal aus der Nähe betrachtet

Anwendungsfelder – Plauener Spitze innovativ

Mittlerweile reicht die sticktechnische Palette von gestickter Messsensorik, die in der Bauwerksüberwachung oder in den Rotorblättern von Windkraftanlagen verwand werden über Anwendungsbereiche im klinischen Bereich bis hin zu gestickten Beleuchtungen, Heizungen oder Kühlsystemen. Aber auch bei funktioneller Bekleidung könnte ein neues Einsatzfeld liegen. Neben modischen Verzierungen liegt der Fokus künftig auch auf Elektronik. Elektrisch leitfähige oder metallisierte Fäden gelangen direkt in die Kleidung. Textilien sind nun nicht mehr nur Stoff, sondern erfüllen einen Reihe von Anforderungen und Funktionen.

Wachstumskern highSTICK

Natürlich ist auch die Modespitze Plauen Teil des Wachstumskerns „highSTICK“. Um etwas mehr über das technische Einsatzfeld zu erfahren, habe ich ein Interview mit unserem Geschäftsführer Andreas Reinhardt geführt.

  • Wie lange gibt es highSTICK schon und was ist das Ziel?

Den Wachstumskern gab es in Phase eins von 2007 bis 2010. Hierbei lag die Konzentration auf der Grundlagentechnologie und auf den möglichen Potentialen – man stand vor den Fragen: was kann die Technologie, die Technologieplattform leisten, wie kommt man in Verbindung mit weiteren Technologien zu neuen Märkten.

Eine zweite Phase von highSTICK gibt es von 2012 bis 2015. Hier geht man nun einen Schritt weiter: im Fokus stehen jetzt Produkte und insbesondere die Prozesskette. Der Verarbeitungsgrad der komplexen Prozesse wird nun stärker beleuchtet, auch Prozesse, die nicht nur mit dem Sticken zu tun haben. Man verstärkt so die Suche nach Einsatzmöglichkeiten für die Technologie.

  • Was hat die Modespitze bewegt, Teil des Wachstumskerns zu werden?

Trotz aller Wettbewerblichkeit arbeiten sechs Stickereiunternehmen mit zahlreichen anderen Unternehmen zusammen, betreiben gemeinsame Grundlagenentwicklung. Es ist eben keine Einzelforschung – man nutzt gemeinsame Potenziale, eine gemeinsame Infrastruktur optimal. Man steht letztlich gemeinsam vor der Frage, was kann die Technologie. Es bietet sich die einmalige Chance, die eigene Technologie einem Stresstest zu unterziehen. Wir können durchaus einen Know-How-Vorsprung erzielen, in dem man miteinander und mit fachfremden Bereichen über technologische Anknüpfungspunkte redet – keiner muss das Rad völlig neu erfinden.

Sensorvlies

Ergebnisse der Zusammenarbeit

  • Welche Erfolge gab es bislang?

Auf jeden Fall die gute Zusammenarbeit auch mit Partnern aus den Bereichen Maschinenbau, Sondermaschinenbau, Konstruktion, Elektrotechnik und Elektronik, der den Blick über den Tellerrand hinaus schärft. Als handfesten Erfolg lässt sich die Gründung der LSE GmbH  im Jahr 2008 beschreiben, welche eine Lücke in der anvisierten Prozesskette schließt. Der Fokus liegt hier auf der Entwicklung und Produktion von funktionsintegrierten Leichtbaustrukturen und der Technologieentwicklung für Hochleistungsverbundbauteile.

  • Was bedeutet das konkret, wo liegen die Anwendungsbereiche und Einsatzmöglichkeiten?

Also grundsätzlich gibt es keine Grenzen für den Anwendungsbereich. Der grundlegende Innovationsschub wird durch Gewicht und Funktionalisierung bestimmt, welche zugleich auch das Einsatzfeld bestimmen. Die Umsetzung in konkrete Produkte bildet momentan den Fokus unserer Arbeit. Aktuell gibt es folgende Prototypen im Einsatz: Sensorik in Rotorblättern von Windkraftanlagen, die Belastung erkennen und somit vor Überlastung schützen, aber auch bei der Füllstandsmessung gibt es mehrere Versuchsreihen. Grundsätzlich gibt es ein riesiges Potential für gestickte Sensoren, sie können überall dort zum Einsatz kommen, wo Textilien im Spiel sind, deren Funktionsdichte erhöht werden soll. Taylored Sensor Placement – TSP ist hier eines der Schlagwörter.

  • Was wird verstickt?

Zum Beispiel Kupferlitzen, aber auch Konstantan – ein Draht mit einem hohen Widerstand, der die Verformung eines Bauteils messen kann. Hier zeigt sich dann auch wieder der Vorteil des Stickens – es kann an jeder beliebigen Stelle gestickt und somit auch präzise vermessen werden. Der Draht wird durch das Sticken appliziert und damit eine unwahrscheinliche Funktionsdichte erzielt – Applizieren auf Textil in dieser Form kann nur Sticken, das ist ein absolute Alleinstellungsmerkmal.

verschiedene Demonstratoren

Aktuelle Projekte

  • Gibt es Unterschiede zum herkömmlichen Sticken?

Da sind wir wieder beim Applizieren. Eigentlich spielt das in der Stickerei eher eine untergeordnete Rolle. Beim Applizieren wird ein drittes Element, das kein Faden sein muss, durch das Sticken befestigt. Klassischerweise wurde ein Zierband oder Pailletten durchstickt und so auf den Stoff aufgebracht. In der technischen Stickerei wird der Draht oder ein anderes flexibles Element durch Umsticken befestigt.

  • Welche Vorteile bietet die Stickerei gegenüber anderen Technologien?

Der größte Vorteil liegt darin, dass individuelle Layouts umgesetzt werden können. Außerdem kann es beliebig oft, als auch wiederholt mit verschiedenen Materialien geschehen.

  • Was ist das Projekt, an dem ihr gerade arbeitet?

Textile Sensoren für Anwendung im Bauwerkssektor sowie die Tragkonstruktionen. Aber wir arbeiten auch an einem Einwegfeuchtesensor für Krankenhäuser oder die Altenpflege. Kurz gesagt: hier misst der Sensor den Füllstand einer Windel und sendet eine Nachricht, wann diese gewechselt werden muss.

Eines der Projekte, an denen die Modespitze arbeitet – gestickte Sensoren im Rotorblatt

  • Was wollt ihr noch erreichen?

Die Platzierung unserer Technologie am Markt sowie zahlreiche Kunden, die wir vom Mehrwert dieser Funktionstextilien überzeugen konnten.

Techtextil Frankfurt

  • Und abschließend nochmal zur Messe in Frankfurt: was hat dich dort besonders fasziniert?

Besonders beeindruckt hat mich das große Potential der Technischen Stickerei, denn mindestens 15 Aussteller bilden den Trend auch ab. Auch aus Ländern wie der Schweiz oder Österreich kommen inzwischen ziemlich konkrete Ansätze, dies war vor einigen Jahren noch nicht so deutlich. Es ist schön zu sehen, dass man sich nicht alleine auf der Welt mit diesem Thema beschäftigt und dass es vor allem auch keine Sackgasse ist, in der man sich befindet.

Es hat mich darin bestärkt, dass wir nichts Unmögliches machen, wir müssen nur die Hürden überwinden, fachfremde Bereiche zu überzeugen, dass es Schnittmengen gibt und dabei hilft letztlich auch der Wachstumskern, der eine breite Formation möglich gemacht hat.